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Teil 1 |
1927
Wiesbaden, den 14. Dezember - bei der Gründungsversammlung des Wiesbadener Reit- und Fahr-Clubs e.V. wurden die Ziele des neuen Clubs abgesteckt: „Förderung des Reit- und Fahrsports und die Pflege aller verwandten Interessen.........". Der WRFC war zwar nicht der erste Reitverein, der sich in Wiesbaden gründete, wohl aber derjenige, der von Beginn an eine klare Zielsetzung verfolgte. 1. Vorsitzender war Major a. D. Rabe, 2. Vorsitzender Wilhelm Ruthe, Schatzmeister Bankdirektor Böcker. Die Gründungsmitglieder: Gertrud Flemming, Lore May-Jung, Irene und Karl-Heinz Pabst, Otto Fliegeiskamp, Dipl. Gartenbau-Inspektor Wilhelm Müller, Julius Liebrecht, Carl Bechtold, Dr. Hans Dyckerhoff, Heinrich Glücklich, Gottlieb Trautmann u.a. Die ersten Aktivitäten waren gemeinsame Reitstunden im legendären „Tattersall Weiß" in der Saalgasse am Hang zur Bergkirche. Dann kamen bald Ausritte in die herrliche Wiesbadener Umgebung hinzu.
1928
Am 3. November wurde die erste Hubertusjagd geritten. Gesellschaftliches Leben wurde zu dieser Zeit groß geschrieben. Kein Ausritt, keine Jagd war ohne ein gemeinsames Treffen mit Mitgliedern und Freunden zu denken. Die Wiesbadener Hotels, das Kurhaus und das noch vollkommen intakte Jagdschloss auf der Platte boten einen schönen Rahmen für diese Veranstaltungen. Heimritte von dort im Mondschein waren ein unvergessliches Erlebnis für alle Teilnehmer. In der Reitabteilung der ersten Jahre waren besonders aktiv: Gertrud Flemming, Fräulein Fußbahn, Irene Pabst, Christa Rospatt, Fräulein Vogel, die Herren Bechtold, Fliegeiskamp, Dr. Gäfgen, Wilhelm Müller und Karl-Heinz Pabst. Die Tattersall-Besitzer und Reitlehrer Schallenbach und Weiß waren nicht wegzudenken. Sie alle legten den Grundstein für das reiterliche Leben und den Zusammenhalt des jungen Clubs, der inzwischen 151 Mitglieder zählte. Angeregt durch die Turniere in Frankfurt, Bad Nauheim, Alzey und Erbenheim wurde bald die große Idee, in Wiesbaden ein Reitturnier zu veranstalten, geboren und sofort in die Tat umgesetzt.
1929
Am 1. und 2. Juni war es soweit, die Geburtsstunde der Wiesbadener Reitturniere auf dem Sportplatz Kleinfeldchen konnte gefeiert werden. Reiter aus Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt waren am Start. Reiter der Reitabteilungen Erbenheim, Kloppenheim, Bierstadt, Sonnenberg und des Reitsportvereins Hochheim hörten auf das Kommando des 1. Turnierleiters, des 1. WRFC-Präsidenten Generalleutnant der Kavallerie a.D. Günther von Etzel, der die Geschicke des WRFC von 1928 - 1933 leitete. Sechs „öffentliche Prüfungen" und ein Abteilungswettkampf der ländlichen Reitvereine waren ausgeschrieben. Die Reitabteilung der Polizei Wiesbaden und eine WRFC-Quadrille mit 8 Damen und Herren unter der Leitung des Tattersallchefs Weiß waren bereits damals Garanten für eine unterhaltsame Reitveranstaltung und beeindruckten auch die Lokalpresse: „Das reizvollste Schaustück des Programms ...". Die Pfingstturniertradition war begründet.
Sloothaaks und Beerbaums gab es auch damals. Sie waren meist adlig oder standen in Diensten des Militärs. Baron von Oppenheim gewann mit Fridericus den „Preis von Henkellsfeld", ein Jagdspringen der Klasse M, Baronin Anneliese von Oppenheim hielt sich dafür im „Asbach-Preis", einem speziellen Amazonenspringen, mit Zigeuner schadlos; selbstredend nicht in kämpferischer Helena-Weinberg-Manier, sondern elegant gewandet im Damensattel. Bekannte Ställe wie Friedrichshof, Würzweiler oder Gömöri, ausgezeichnete Reiter wie Prinz Christoph von Hessen (1. mit Tantris im „Preis von Erlenhof", Dressurprüfung Kl. M), Major a. D. Nette oder Dr. August Wiegand gingen an den Start. Insgesamt waren 100 Nennungen zu den öffentlichen Prüfungen eingegangen. Die Abrechnung dieses ersten Turniers lautete: Ausgaben 11.120,00 RM, Einnahmen 4.900,00 RM, Zuschüsse 6.179,00 RM.
Gleich bei der Turnier-Premiere mussten die Organisatoren erkennen: Auf Dauer ist dieser Turnierplatz einfach zu klein.
1930
So zog man für das zweite Turnier nach Erbenheim um. Auf dem Ge-lände der ehemaligen Rennbahn, das mittlerweile zum Flugplatz umfunk-tioniert worden war, richtete der WRFC in zweiter Auflage ein Turnier aus, das später als „Befreiungstur-nier" in die Clubgeschichte einging. Erstmals nach der französischen Be-satzungszeit nach dem 1. Weltkrieg durften deutsche Offiziere wieder in Uniform starten. Mit dabei u. a. Ma-jor Berger, Rittmeister von Saenger-Etterlin oder „Zivile" wie Irmgard von Opel. Ausgeschrieben waren 11 Prüfungen für Reit- und Jagdpferde bis zur Klasse M.
1931
Auch mit dem 3. Turnier blieb der WRFC in Erbenheim und weitete das Programm auf 5 Tage aus. Die Veranstaltungen von Wiesbaden und Koblenz verbanden sich zur „Rheinischen Turnierfolge". Unvergessene Reitsportlegenden wie Käthe Franke, Irmgard von Opel, Freiherr von Langen, oder Otto Lörke gingen an den Start. Otto Lörke hielt Wiesbaden in den Folgejahren die Treue und hatte maßgeblichen Anteil an der steilen Entwicklung der Dressurwettbewerbe. Die großen vierbeinigen Athleten von damals waren Tora, Baccarat, Derby, Kampfgesell, Springpferde der Kavallerieschule und Nanuk, Fels und Draufgänger die Dressurcracks. Auch die besondere Tradition des Reiter- und Kutschenkorsos - einer Gespannparade durch die Stadt -, damals am Pfingstsonntag, geht auf dieses Turnier zurück.
Bodenprobleme traten auf. das Geläuf war zu hart. In Zusammenarbeit mit der Stadt Wiesbaden wurde daher ein neuer Turnierplatz gebaut.
1932
Der WRFC übernahm das neue Gelände „Unter den Eichen", das bis zum Beginn des II. Weltkrieges Heimat der WRFC-Turniere war. Der Platz wurde von Club und Stadt gemeinsam, unter Aufwendung erheblicher Mittel, gebaut. Großen Anteil am Gelingen hatten Garteninspektor Müller sowie die Kurverwaltung. „Nun endlich war die Grundlage für die großen Pfingstturniere geschaffen", schrieb Wilhelm Dyckerhoff, der am 26. Oktober 1987 verstorbene Ex-Präsident und entscheidende Mann der Nachkriegsepoche, in seinen Erinnerungen. Dressurprüfungen und Jagdspringen der Klasse S wurden ausgeschrieben. Otto Lorke und August Staeck glänzten in einem Pas de deux, Wiesbadens Polizei demonstrierte „Pushball" zu Pferde.
1933
folgte bereits ein Pfingstturnier-Höhepunkt. Die deutsche Equipe, die in Rom den goldenen „Coppa Mussolini" gewonnen hatte, ging in Wiesbaden an den Start. Das Turnier war auf 4 Tage angesetzt, 17 Prüfungen waren angesagt, darunter erstmals ein Barriere-Springen. Die Spitzen der Regierung des Landes und der Stadt unterstrichen mit ihrem Besuch die Bedeutung des Ereignisses. Die Präsidentschaft des WRFC hatte für zwei Jahre Brigadeführer Reutlinger übernommen. Auch damals schon dabei - Wilhelm Dyckerhoff als Ordner auf dem Abreiteplatz. Im Herbst des gleichen Jahres wagte der WRFC die nächste Veranstaltungsauflage. Ein Versuch, der scheiterte. Die Reiter hatten sich bereits an den obligatorischen Pfingsttermin gewöhnt, der bis heute ein Fixpunkt im internationalen „Turnier-Zirkus" der Top-Reiter ist.
1934
fand das 7. Turnier wieder an Pfingsten statt und verzeichnete die Rekordbeteiligung von 374 Pferden. Erstmals wurde durch das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei in Wiesbaden eine Military ausgeschrieben, bereits als Vorbereitung auf Olympia 1936. Das Cross-Gelände lag im Raum Bierstadt/Erbenheim. Gewonnen wurde die Prüfung von dem Holländer Oberst Pahud de Mortanges, ein Zeichen für die zunehmende Internationalität des Teilnehmerfeldes.
1935
Erstes Turnier unter Leitung des neuen WRFC-Präsidenten General der Infanterie a.D. Steppuhn (Präsident bis 1948). Aus Holland war wieder der Doppel-Olympiasieger Pahud de Mortanges dabei. Und auch das gab es schon: Paarwettkämpfe Auto/ Pferd, der Ursprung des modernen Jump and Drive.
1936
Im Olympiajahr hatte man 27 Prüfungen an 5 Tagen ausgeschrieben. Neben Reitern aus Holland waren auch Argentinier und Brasilianer am Start. Starke Beteiligung auch bei den Gespannwettbewerben; der Fahrstall der Kavalerieschule Hannover reiste an. Die Aktiven des WRFC waren inzwischen in die "Schlossreitschule" umgezogen, die in einem Trakt des heutigen Hessischen Landtags untergebracht war.
1937
Erstes Jubiläumsturnier, der WRFC war 10 Jahre alt. Super Publikum, riesige Besetzung, Seriensieger-Otto Lorke mit Pommernländer. Grundprobleme des Turniermachens existierten schon damais wie ein Zitat aus dieser Zeit belegt: „Es gab Zeiten, wo die Vereine in Sorge waren, ob sie genügend Nennungen bekommen würden. Heute liegt der Fall beinahe umgekehrt." Dipl.-Ing. Karl Heinz Papst wurde Vize-Präsident des Clubs und behielt dieses Amt bis April 1964 bei. Wiesbadens Turniertradition verdankt ihm viel. Für seine langjährigen Verdienste ernannte ihn der WRFC zum Ehren-Master.
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